Samuel Rutherfod - Alte Kirche in Anwoth
Samuel Rutherfod – Alte Kirche in Anwoth

Ein Sterbelied, in dem ein anderer spricht

Es gibt Lieder, die man nicht liest, sondern hört, als stünde man am Bett eines Sterbenden. Das Gedicht, das im Englischen mit der Zeile „The Sands of Time Are Sinking“ beginnt und oft schlicht „Immanuel’s Land“ genannt wird, gehört zu ihnen. Sein Kehrreim – „und Herrlichkeit, Herrlichkeit wohnt in Immanuels Land“ – kehrt in jeder der neunzehn Strophen wieder und trägt das Ganze wie eine Brandung, die immer wieder ans selbe Ufer schlägt. Das Merkwürdige und zugleich Schöne an diesem Lied ist, dass darin ein Ich spricht, das nicht die Dichterin ist. Es ist die Stimme eines Mannes, der zweihundert Jahre vor ihr gelebt hat und dessen Sehnen sie so genau kannte, dass sie ihm ihre Verse gleichsam in den Mund legen durfte: der schottische Prediger Samuel Rutherford, der um das Jahr 1600 geboren wurde und 1661 starb.

Wie das Lied entstand

Geschrieben hat es Anne Ross Cousin (1824–1906), die Frau eines Pfarrers der schottischen Free Church. Sie verfasste die Verse im Jahr 1854; gedruckt erschienen sie erstmals 1857 in der Zeitschrift „The Christian Treasury“, und zwar unter der Überschrift „Last Words of Samuel Rutherford“, also „Samuel Rutherfords letzte Worte“. Man muss wissen, dass die Dichterin sich den Inhalt nicht ausgedacht hat. Sie war eine tiefe Kennerin von Rutherfords Briefen, jenen berühmten „Letters“, und seiner Lebensgeschichte, und aus diesem Stoff hat sie Bild um Bild, Wendung um Wendung herausgehoben und in Verse gefasst. So ist beinahe jede Zeile ein verdichtetes Echo einer Formulierung Rutherfords selbst; das Gedicht ist weniger eine Erfindung als eine Sammlung seiner eigenen Worte, kunstvoll zu einem Lied gebunden.

Auch der Titel meint es wörtlich. Überliefert ist, dass Rutherford auf dem Sterbebett sprach: „Glory, glory dwelleth in Immanuel’s land“ – „Herrlichkeit, Herrlichkeit wohnt in Immanuels Land“. Genau um dieses letzte Wort herum hat Anne Ross Cousin das ganze Lied gebaut. Das vollständige Gedicht umfasst neunzehn Strophen und gilt als eines der längsten Lieder der englischen Sprache; in den Gesangbüchern findet man es meist stark gekürzt, während die hier abgelegte Fassung die lange, vollständige ist.

Wer war Samuel Rutherford?

Rutherford wurde um 1600 in Nisbet in der Grafschaft Roxburghshire im Süden Schottlands geboren, in derselben Landschaft übrigens, aus der später auch die Dichterin stammte. Er studierte in Edinburgh und wurde dort 1623 Professor für Latein, ehe er sich ganz der Theologie zuwandte. Im Jahr 1627 trat er die Pfarrstelle in Anwoth an, einer ländlichen Gemeinde nahe der Solway-Küste, und diese Jahre formten ihn zu dem Seelsorger, als den ihn seine Gemeinde liebte. Anwoth kehrt im Gedicht mehrfach mit Namen wieder; es ist der Ort, an dem sein Herz auf Erden zu Hause war.

Im Jahr 1636 aber wurde er wegen seiner nonkonformistischen Überzeugungen seines Amtes enthoben und nach Aberdeen verbannt, fern von seiner Herde und unter Predigtverbot. Es waren dunkle Jahre; seine Frau und zwei seiner Kinder starben in dieser Zeit. Und doch wurde gerade das Exil seine geistlich fruchtbarste Zeit, denn in Aberdeen entstand ein Großteil jener Briefe, aus denen das Lied schöpft. Diese Spannung, dass die schwerste Zeit die reichste war, durchzieht das ganze Gedicht wie ein Grundton.

Nach dem Ende der Verbannung kehrte Rutherford kurz nach Anwoth zurück und wurde bald darauf Professor der Theologie an der Universität von St Andrews. 1643 reiste er nach London zur Westminster-Versammlung, jenem Gremium, das die prägenden reformierten Bekenntnisschriften erarbeitete, und dort vollendete er sein bekanntestes Werk, „Lex, Rex“ – „Das Gesetz ist König“ –, das mit biblischer Begründung die Macht der Könige begrenzen wollte und dem späteren Konstitutionalismus den Weg bereitete. Mit der Rückkehr Karls II. auf den Thron im Jahr 1660 aber wendete sich das Blatt. „Lex, Rex“ wurde öffentlich verbrannt, Rutherford seiner Ämter enthoben und wegen Hochverrats vor das Parlament geladen. Die Boten fanden ihn bereits sterbend. Er sandte ihnen die Antwort zurück, er habe schon eine Vorladung vor einen höheren Richter erhalten und müsse dieser ersten Ladung folgen; und ehe ihr Tag komme, werde er dort sein, wohin nur wenige Könige und Große gelangen. Er starb im März 1661, bevor ein Prozess gegen ihn geführt werden konnte, nach der Überlieferung mit jenem Wort von der Herrlichkeit in Immanuels Land auf den Lippen.

Einige Bilder, die man kennen muss

Manche Zeilen des Gedichts erschließen sich erst, wenn man dieses Leben vor Augen hat. „Immanuel“ heißt „Gott mit uns“ und ist ein Name für Christus; „Immanuels Land“ ist darum der Himmel, verstanden als das Land, in dem Christus gegenwärtig und mit offenem Angesicht zu sehen ist. Der Kehrreim macht dieses eine Ziel zum Fluchtpunkt jeder Strophe, sodass alles Sehnen des Sterbenden immer wieder dorthin zurückläuft.

Wenn es in einer Strophe heißt, „selbst Anwoth war nicht der Himmel, selbst Predigen war nicht Christus“, dann spricht der Seelsorger, der seine Gemeinde und seinen Dienst über alles liebte und gerade darum bekennt, dass auch das Liebste auf Erden nicht das Letzte sein darf: nicht der Dienst, sondern der Herr des Dienstes ist das Ziel. Das „meerumtoste Gefängnis“, von dem er singt, ist das Exil in Aberdeen, das er als Gefangenschaft empfand und in dem er doch die dichteste Gemeinschaft mit seinem Herrn erfuhr; der „Regenbogen über der dunkelsten Sturmwolke“ ist das Bild für diese Erfahrung der Treue Gottes mitten im Leid. Und wenn er von den „kleinen Vögeln von Anwoth“ und vom „schönen Anwoth am Solway“ spricht und sagt, sein Himmel werde ein doppelter Himmel sein, sollte er dort eine Seele aus Anwoth wiedertreffen, dann hört man die Liebe des Hirten zu seiner Herde, dem die Rettung der ihm Anvertrauten selbst im Himmel noch eine besondere Freude wäre.

Besonders die vorletzte Strophe bleibt ohne die Lebensgeschichte stumm. „Sie haben mich vor sich geladen, doch dorthin kann ich nicht kommen“ – das ist unmittelbar die Szene der Todesbett-Vorladung wegen „Lex, Rex“. Der irdischen Ladung vor das Parlament stellt das Gedicht die himmlische entgegen, das „Komm herauf hierher“ und das „Willkommen daheim“ des Herrn, der ihn zu sich ruft, ehe die Menschen ihn richten können. Über all dem liegt schließlich die Sprache der Braut. Das Lied ist durchwoben von Bildern des Hohenliedes und der Offenbarung: die Rose von Sharon, das Haus des Weines, das Bekenntnis „ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein“, der weiße Stein mit dem neuen Namen, das Lamm auf dem Berg Zion und das Neue Jerusalem. Rutherford selbst hat diese Brautmystik in seinen Briefen ausgiebig gebraucht, und Anne Ross Cousin nimmt sie dankbar auf. In dieselbe Richtung weist die schönste Wendung gegen Ende, dass die Braut nicht auf ihr eigenes Gewand blicke, sondern auf das Angesicht des Bräutigams, und dass er darum nicht auf die Herrlichkeit starren wolle, sondern auf seinen König und dessen durchbohrte Hand. Darin ist Rutherfords ganze Frömmigkeit gefasst: Nicht die Krone des Himmels ist das Ziel, sondern Christus selbst, der das Lamm und die ganze Herrlichkeit von Immanuels Land ist.

Warum es bis heute berührt

Die eigentliche Kraft dieses Liedes liegt in seiner Verschmelzung. Eine Dichterin des neunzehnten Jahrhunderts leiht einem Sterbenden des siebzehnten ihre Stimme und formt aus seinen eigenen Briefworten ein Lied über Sehnsucht, Verlust und Hoffnung. So ist es zugleich sehr persönlich, mit seinem Anwoth, seinem Exil und seiner letzten Vorladung, und doch ganz allgemein gültig, ein Lied über das Sterben als Heimkehr. Wer es liest, blickt dem Tod nicht ins Gesicht, sondern über ihn hinweg, dorthin, wo die Herrlichkeit ohne Schatten wohnt. Und vielleicht ist das der Grund, warum dieses Lied Generationen überdauert hat und noch heute Menschen tröstet, die ihren eigenen dunklen Weg ans Ufer jenes Landes gehen.

Gedicht: Die letzten Worte Samuel Rutherfords

„Samuel Rutherford’s Last Words“ von Anne Ross Cousin (1857) – auch bekannt als „The Sands of Time Are Sinking“ oder „Immanuel’s Land“. Deutsche, möglichst wortgetreue (unpoetische) Übersetzung.


Die Sande der Zeit versinken,
die Morgenröte des Himmels bricht an,
der Sommermorgen, nach dem ich mich sehnte,
der schöne, süße Morgen erwacht:
Dunkel, dunkel war die Mitternacht,
doch die Morgendämmerung ist nah,
und Herrlichkeit – Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.

Oh, es ist gut für immer,
oh, gut für immerdar,
mein Nest hing in keinem Wald
dieser dem Tod geweihten Küste:
Ja, lass die eitle Welt vergehen,
wie das Ufer vom Schiff aus,
während Herrlichkeit – Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.

Dort entfaltet die rote Rose von Sharon
ihre herzerfreuende Blüte
und erfüllt die Luft des Himmels
mit berauschendem Duft: –
Oh, sie erblühen zu sehen,
umweht von ihrem Duft,
dort, wo Herrlichkeit – Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.

Der König dort in seiner Schönheit
wird ohne Schleier gesehen:
Es wäre eine wohl verbrachte Reise,
lägen auch sieben Tode dazwischen.
Das Lamm mit seinem herrlichen Heer
steht auf dem Berg Zion,
und Herrlichkeit – Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.

Oh, Christus ist der Quell,
der tiefe, süße Brunnen der Liebe!
Die Bäche auf Erden habe ich gekostet,
tiefer werde ich droben trinken:
Dort, zu ozeanischer Fülle,
dehnt sich seine Gnade,
und Herrlichkeit – Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.

Selbst Anwoth war nicht der Himmel –
selbst Predigen war nicht Christus;
und in meinem meerumtosten Gefängnis
hielten mein Herr und ich Zwiesprache:
Und stets war meine dunkelste Sturmwolke
von einem Regenbogen überspannt,
eingefangen von der Herrlichkeit, die wohnt
in Immanuels Land.

Doch dass er einen Himmel baute
seiner überströmenden Liebe,
ein kleines Neues Jerusalem,
gleich dem droben, –
„Herr, nimm mich hinüber übers Wasser“,
war mein lautes Verlangen,
„nimm mich in der Liebe eigenes Land,
hinein in Immanuels Land.“

Doch Blumen brauchen die kühle Dunkelheit der Nacht,
das Mondlicht und den Tau;
so zog Christus sich von einem, der ihn liebte,
mit seinem Scheinen oft zurück;
und dann forschte ich unruhig
nach dem Grund der Abwesenheit –
doch Herrlichkeit, schattenlos, scheint
in Immanuels Land.

Die kleinen Vögel von Anwoth
hielt ich einst für gesegnet, –
nun, an glücklicheren Altären,
gehe ich, mein Nest zu bauen:
Über diesen brütet keine Stille,
keine Gräber stehen um sie herum,
denn Herrlichkeit, unsterblich, wohnt
in Immanuels Land.

Schönes Anwoth am Solway,
mir bist du noch immer teuer!
Selbst vom Rand des Himmels
vergieße ich für dich eine Träne.
Oh, wenn eine Seele aus Anwoth
mich an Gottes rechter Hand trifft,
wird mein Himmel zwei Himmel sein
in Immanuels Land.

Ich habe mich zum Himmel emporgerungen,
gegen Sturm und Wind und Flut: –
nun, wie ein müder Wanderer,
der sich auf seinen Führer stützt,
inmitten der Abendschatten,
während des Lebens Sand versinkt,
begrüße ich die dämmernde Herrlichkeit
aus Immanuels Land.

Tiefe Wasser durchquerten des Lebens Pfad,
die Dornenhecke war scharf;
nun liegt all das hinter mir –
oh, für eine wohlgestimmte Harfe!
Oh, einzustimmen ins Halleluja
mit jener triumphierenden Schar,
die singt, wo Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.

Mit Barmherzigkeit und mit Urteil
webte er mein Zeitgewand,
und stets waren die Tautropfen des Kummers
mit seiner Liebe durchleuchtet.
Ich will die Hand segnen, die führte,
ich will das Herz segnen, das plante,
wenn thronend dort, wo Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.

Bald wird der Kelch der Herrlichkeit
der Erde bitterste Wehe wegwaschen,
bald wird der Wüstendorn
aufbrechen zu Edens Rose:
Der Fluch wird sich in Segen wandeln –
der Name, der auf Erden verbannt war,
wird auf den weißen Stein geschrieben
in Immanuels Land.

Oh, ich bin meines Geliebten,
und mein Geliebter ist mein!
Er bringt einen armen, unwürdigen Sünder
in sein „Haus des Weines.“
Ich stehe auf seinem Verdienst,
ich kenne keinen anderen Stand,
nicht einmal dort, wo Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.

Ich werde fest schlafen in Jesus,
erfüllt von seinem Ebenbild auferstehen,
um zu leben und ihn anzubeten,
um ihn mit diesen Augen zu sehen.
Zwischen mir und der Auferstehung
steht nur noch das Paradies;
dann – dann für die Herrlichkeit, die wohnt
in Immanuels Land!

Die Braut blickt nicht auf ihr Gewand,
sondern auf ihres Bräutigams Gesicht;
ich werde nicht auf die Herrlichkeit starren,
sondern auf meinen König der Gnade –
nicht auf die Krone, die er schenkt,
sondern auf seine durchbohrte Hand:
Das Lamm ist die ganze Herrlichkeit
von Immanuels Land.

Ich habe Spott und Hass getragen,
ich habe Unrecht und Schande getragen,
die Stolzen der Erde haben mich geschmäht
um Christi dreifach gesegneten Namen: –
wo Gott sein Siegel am schönsten setzte,
haben sie ihr übelstes Brandmal gedrückt;
doch das Urteil scheint wie der Mittag
in Immanuels Land.

Sie haben mich vor sich geladen,
doch dorthin kann ich nicht kommen, –
mein Herr spricht: „Komm herauf hierher,“
mein Herr spricht: „Willkommen daheim!“
Mein königlicher König an seinem weißen Thron
befiehlt meine Gegenwart,
wo Herrlichkeit – Herrlichkeit wohnt
in Immanuels Land.